Weißbruch
Anette Haas _ Denise Winter

_ 20. Oktober bis 19. November 2016



Weißbruch

Mit der fünften Duo-Ausstellung des Jahres 2016 wird die vorletzte Station des Jahresprogramms von dr. julius | ap erreicht. Der Titel Weißbruch [engl.: Crazing] bezieht sich auf einen Fachbegriff aus der Kunststoffherstellung und beschreibt mikroskopisch kleine Weißverfärbungen, eigentlich Materialfehler, deren Eigenschaften allerdings auch gezielt genutzt werden können. Der daraus ableitbare Denk- und Handlungsansatz verbindet die Auffassungen der beiden Künstlerinnen Anette Haas und Denise Winter, unterscheidet sie aber gleichzeitig durch ihren spezifischen Umgang damit. Sie vertreten mit ihren Arbeiten ohnehin gegensätzliche Positionen im Programm der Galerie und stehen darin für zwei Generationen zeitgenössischer Haltungen, die künstlerisch sehr eigenständige Wege verfolgen. Insofern begegnen sie sich bei dr. julius | ap mit ihren Werken in einer Gegenüberstellung, die genau darüber ihren inhaltlichen Reiz bezieht.

Anette Haas [*1961 in Salzgitter] setzt sich seit den 1990er Jahren intensiv mit den Grundfragen der Malerei auseinander, und dies dergestalt, dass sie gegebene Eigenheiten der Disziplin für sich selbst weiter zu entwickeln und Grenzen zu überwinden sucht. Neben den immanenten Themen Farbe und Farbraum, Bildfläche und Bildbegrenzung sowie Techniken und Ausführungsvariationen steht für sie dabei die Beschäftigung mit der Materialität der Malerei an sich im Mittelpunkt. Das Erzeugen von Räumlichkeit und das Einbringen von Objektqualitäten mit deren Mitteln ist damit eng verbunden. So spielt etwa die Materialkombination Tuch – Farbe – Wachs zur Loslösung des Gemalten und der Leinwand vom klassischen Rahmen sowie, in der Folge, deren Hinführung zu plastischer Formbarkeit und Steigerung der Raum-Betrachter-Beziehung eine wichtige Rolle in mehreren Werkgruppen von Anette Haas. Darüber hinaus verfolgt sie in großer Konsequenz ihre Themen auch in Papierarbeiten, in denen sie Flächen mithilfe von Farbstiften in Kombination mit Acryl aufwändig händisch anlegt und dabei das Formenrepertoire sowie die Behandlung von Randstellen und Übergangspunkten aus ihrer Malerei feinsinnig auf die speziellen Oberflächen- und Materialeigenschaften des Papiers überträgt. Aus beiden Werkgruppen wird sie Arbeiten in der Ausstellung zeigen.
2012 war Anette Haas mit .rand.bedingungen. bereits in einer der heute seltenen Einzelausstellungen bei dr. julius | ap zu sehen, zudem in mehreren Gruppenausstellungen sowie jüngst als Teil der Gesamtpräsentation des Galerieprogramms auf der POSITIONS art fair in Berlin. Ende 2015 zeigte das Kunstmuseum Villa Zanders in Bergisch-Gladbach eine retrospektiv angelegte Ausstellung ihrer Werkgruppen, zu der ein umfangreicher Katalog erschienen ist.
Anette Haas lebt und arbeitet in Berlin, New York und Hannover, wo sie seit 2014 Professorin an der Leibniz Universität für das Fachgebiet Künstlerische Gestaltung in der Fakultät Architektur und Landschaft ist.

Denise Winter [*1983 in Berlin] arbeitet als graduierte Meisterschülerin der Bildhauerklasse von Monika Brandmeier/HfBK Dresden, auf vielfältige Art und Weise sowie mit zahlreichen unterschiedlichen Medien und Werkzeugen an der Frage der künstlerischen Form und Wegen zu deren Findung. Über genaue Betrachtung, Aufnahme und Analyse von Gegenständen, gebauten Strukturen oder Landschaften ihrer persönlichen Lebens- und Erfahrungswelten entwickelt sie Vorlagen für ihre Werke. Durch Methoden des fotografischen Erfassens oder der zeichnerischen Übertragung generiert sie etwa durch Abwickeln, Auftragen und Projizieren des Gesehenen neue geometrisch-räumliche Strukturen und visuelle Vorlagen. Diese verarbeitet sie durch Techniken wie Fräsen, Lasern oder Schneiden aus unterschiedlichsten Materialien zu bildhaften und skulpturalen Objekten weiter. So entstehen beispielsweise Wandreliefs aus Vollholz-, Furnier- oder Rohspanplatten, gefrästem MdF, Schichtholz oder Corian, sowie gerollte Skulpturen aus gelasertem Aluminium. Darüber hinaus nutzt sie u.a. auch Lochkameras für Langzeitbelichtungen, kombiniert Diaprojektoren und Bewegungsmelder zu interaktiven Installationen, entwickelt Choreografien für Tanzperformances oder schreibt Gedichte als Vorlagen für ihre Serie von Schreibmaschinenzeichnungen, unter Verwendung unterschiedlicher typografischer Prägungen. In dieser Vielseitigkeit entwickelt sie konstant und breit gefächert ein eigenständiges und frisches Werk, das in ihrer ersten größeren Ausstellung bei dr. julius | ap auch als Vorausschau auf neue zeitgenössische Wege innerhalb des spezifischen Galerieprogramms minimal konzeptueller Kunst wirken kann.
Denise Winter wurde 2010 mit dem Preis der Caspar-David-Friedrich-Gesellschaft, Greifswald, ausgezeichnet und gewann 2013 den

  1. Preis im Realisierungswettbewerb der Kunst am Bau im Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz, Berlin. 2014/15 war sie auf Vorschlag von dr. julius | ap an der Ausstellung Einknicken oder Kante zeigen? Die Kunst der Faltung im Museum für Konkrete Kunst Ingolstadt sowie im Kunstraum Alexander Bürkle, Freiburg, beteiligt. Denise Winter lebt und arbeitet in Köln.

Weißbruch
Anette Haas _ Denise Winter

Eröffnung Donnerstag, 20. Oktober 2016, 19 – 21 h
Ausstellung bis 19. November 2016
Donnerstag – Samstag 15 – 19 h und auf Vereinbarung

dr. julius | ap
Leberstraße 60
D–10829 Berlin
S-Bahn Julius-Leber-Brücke + Südkreuz · Bus 106 + 204

_ Opening Thursday, October 20, 2016, 7–9 pm. Exhibition through November 19, 2016

— [EN] —

Weißbruch
Anette Haas _ Denise Winter

The fifth duo-exhibition of 2016 also marks the second-to-last exhibition of the year for dr. julius | ap. The title of the exhibition [engl. Crazing ]refers to a term from plastic manufacture that describes microscopic white discolorations—technically flaws—whose qualities can however also be intentionally exploited. The theoretical and practical approach suggested by this title unites the two artists Anette Haas and Denise Winter, yet also points to the divergences in their specific implementations of a shared approach. In any case, the artists and their works represent two poles of the gallery’s program: two generations of contemporary artists with differing attitudesand very separate artistic paths. In this way, the artists and their works are juxtaposed in this meeting at dr. julius | ap, and this contrast lends the exhibition its appeal.

Since the 1990’s, Anette Haas [b. 1961 in Salzgitter] has engaged with the essential questions of painting by attempting to work with and develop the idiosyncrasies of the metier, and to go beyond its assumed limits. In addition to the intrinsic themes of color and spectrum, surface and edge, technique and variation of execution, the materiality of painting is always central to Haas’s work. The creation of spatiality and objecthood is closely related to this idea of materiality. For example, several groups of work employ a combination of cloth, paint, and wax to free the canvas and what’s painted on it from the classical frame, leading to a sculptural malleability and an intensified relationship between viewer and space. In addition, Anette Haas rigorously pursues her chosen themes in works on paper, where she painstakingly manually develops surfaces using colored pencils and acrylics, thereby sensitively applying the formal repertoire of her painting practice, as well as her investigation of borders and sites of transition, to the special material qualities of paper. This exhibition presents works from both sides of her practice.
In 2012 Anette Haas’s work was shown in one of dr. julius | ap’s now infrequent solo exhibitions under the title .rand.bedingungen. [limiting conditions]. She has also been included in several group shows, including most recently the gallery’s presentation for the Berlin POSITIONS art fair. In 2015 Kunstmuseum Villa Zanders in Bergisch-Gladbach presented a retrospective of her work, along with a comprehensive catalogue. Anette Haas lives and works in Berlin, New York, and Hannover, where since 2014 she has been Professor of Artistic Design at the Leibniz University of Hannover in the department of Architecture and Landscape.

Denise Winter [b. 1983 in Berlin], studied art and graduated at Monika Brandmeier‘s master class of sculpture at the Academy of Fine Arts, Dresden. In her work she uses various methods, as well a very wide range of media and tools, to pursue questions of artistic form and ways of finding it. She develops models for her work based on careful observation, recording, and analysis of the objects, built structures, and landscapes that make up her personal, experienced world. Capturing these subjects through photography or drawing, she then generates new geometric-spatial structures and visual patterns by deconstructing, processing, and projecting what she sees. She then further develops these models, using them as a basis for milling, cutting, or lasing widely varying materials into pictorial and sculptural objects. Through this process she creates, for example, reliefs out of solid wood, veneer, or particleboard panels, milled MDF, laminated wood, or Corian, as well as rolled sculptures of lased aluminum. She also uses pinhole cameras for long-exposure photography, combines slide projections and motion sensors for interactive installations, choreographs dance performances, and writes poems for her series of typewriter drawings, which employ various styles of typography. This versatility allows her to continually develop a wide variety of original, fresh work; her first big exhibition at dr. julius | ap thereby also acts as a preview of new contemporary approaches within the gallery’s specific program of minimal conceptual art.
Denise Winter was awarded the 2010 Prize of the Caspar David Friedrich Gesellschaft of Greifswald, and in 2013 she won first prize in the art-in-architecture competition of the Federal Ministry of Food, Agriculture and Consumer Protection in Berlin. In 2014-15, at the recommendation of dr. julius | ap, she participated in the exhibition Einknicken oder Kante zeigen?: Die Kunst der Faltung [Bend or Show the Edge?: The Art of Folding] at the Museum of Concrete Art and Design in Ingolstadt and the Kunstraum Alexander Bürkle in Freiburg. Denise Winter lives and works in Cologne.

Please find examples of works at http://www.dr-julius.de/index.html#_drj058rot. For use in print media please contact us.

Weißbruch
Anette Haas _ Denise Winter

Opening Thursday, October 20, 2016
Exhibition through November 19, 2016
Thursday–Saturday 3–7 pm and by appointment

dr. julius | ap
Leberstraße 60
D–10829 Berlin
S-Bahn Julius-Leber-Brücke + Südkreuz · Bus 106 + 204